Eine Digitale Reise: Identität 4.0 + Das digitale Dilemma

„Der Mensch ist ja nicht der, der er ist, sondern der, der er sein will. Wer ihn bei seinen Wünschen packt, hat ihn.“

Martin Walser

600.000 deutsche Jugendliche und Erwachsene gelten als Internetsüchtig. Achtzig Millionen Bilder werden täglich bei Instagram hochgeladen, das sind zirka 40.000 Bilder pro Minute. 77% der Sozial Media Nutzer posten am liebsten Selfis, aber paradoxerweise schauen sich 82% der Instagram User ungern Selfis an, weil sie aus der Fremdperspektive als Nazistisch wahrgenommen werden. Die Digitalisierung verändert die Art, wie wir leben, arbeiten, fühlen und handeln. Neue Technologien und neue Medien kratzen an unserem Menschenbild, und der Überfluss an Informationen, Waren, aber auch Innovationen, Chancen und Kontakten rückt unser Ego ins Zentrum der Welt. Dieser Beitrag dreht sich um unser digitales Ich, unser Leben und die neue Selfigesellschaft, in der wir uns heute neu verorten müssen, ob wir wollen oder nicht.

Erkennen was ist

Ein chinesisches Sprichwort sagt: Wer kein freundliches Gesicht hat, sollte kein Geschäft eröffnen. Und da das Wissen der Welt praktisch in jeder Hosentasche steckt und jeder Wunsch und jeder Kunde nur einen Klick weit entfernt ist, wird klar, dass die Digitalisierung unser Ego ins Zentrum rückt, wir müssen Gesicht zeigen. Und Facebook, Instagram, Youtube und Co beweisen, das erst die Aufmerksamkeit des anderen uns heute selbst bewusstER macht. Unser Ego wird immer größer und auch ungeduldiger, weil die Werbung unsere Illusion füttert, wir wären der Mittelpunkt der Welt. Google, Amazon, Instagram und Youtube befeuern unser Gefühl, die ganze Welt wurde nur für uns geschaffen, um uns 24/7 mit maßgeschneiderten Infos zu versorgen. Und letztlich wollen all diese Glücks- und Warenversprechen nur was? Na klar, unser Geld. Die Erfinder des Non-Stop-Shoppings bei Amazon haben getreu dem Motto „Der Kunde ist König“ aus uns einen allmächtigen Magier gemacht, der sich mit einem Klick alles herzaubern kann was er sich wünscht. Egal ob Buch, Druckerpatrone, Designerklamotten oder Autos. Bezos hat uns bei unserer Bequemlichkeit erwischt, und erkannt, dass dies unser größter (unbewusster) Treiber ist, und bekommt mit 100% Kundenorientierung neben Geld auch Daten von uns.

Wissen was kommt

Nachdem du dir im letzten Beitrag vielleicht die digitale Landkarte angesehen hast, wirst Du feststellen, dass sie nur ein minimaler Bruchteil ist, von dem was tatsächlich  möglich ist, und was noch auf uns zukommen wird.

Denn neben offensichtlichen Apps und Anwendungen, die wir in einer vernetzten Welt nutzen können, werden wir von unmerklichen Tools und unsichtbaren Technikprofis für unbekannte Zwecke hypnotisiert. Über die Jahre sind wir alle zu digitalen Versuchskaninchen geworden.

Der Informatiker Jaron Lanier bringt es auf den Punkt. „Diverse Algorithmen saugen Daten über uns auf, jede Sekunde, ununterbrochen. Auf was für Links klickst du? Was für Videos siehst du dir bis zum Ende an? Wie schnell springst du von einer Sache zur nächsten? Wo bist du, wenn du das tust? Mit wem hast du Kontakt, persönlich und online? Welchen Gesichtsausdruck machst du? Womit warst du gerade beschäftigt, als du beschlossen hast, etwas zu kaufen oder nicht? All diese Daten und viele andere werden mit ähnlichen Daten aus dem Leben von diversen anderen Menschen abgeglichen, Algorithmen korrelieren das, was du tust, mit dem, was so gut wie alle anderen getan haben. Die Algorithmen verstehen dich zwar nicht wirklich, aber ihre Zahlen bringen ihren Besitzern Macht, vor allem, wenn es viele Zahlen sind.“

Wer heute wirbt, und die vielen Tools z.B. von Analytics gut beherrscht kann präzise den Moment abpassen, wenn du genau in der richtigen Stimmung bist, um dich mit Anzeigen zu beeinflussen, die bei Leuten funktioniert haben, die Eigenschaften und Situationen mit dir gemein haben. Bist du traurig, einsam, ängstlich? Glücklich, selbstbewusst? Hast du Liebeskummer oder bist du frisch verlobt? Hast du Abstiegsängste, oder planst du ein neues Projekt? Heute bekommt jeder, der in einem sozialen Netzwerk unterwegs ist, individualisierte und ständig optimierte Reize serviert, pausenlos, solange du dein Smartphone nutzt. 

Digitales Vergleichen

Covid-19 oder Corona ist eine Grippeform, die derzeit unsere Gesellschaft spaltet und die Folgen sind nur zu erahnen. Influencer klingt auch wie eine Krankheit, und aus psychologischer Sicht, ist sie es auch. Sie verbreitet sich wie eine Epidemie, vernebelt unsere Sinne, manipuliert uns und gefährdet unser mentales Selbstwertgefühl. Die digitale Welt hat ihre Netze über uns ausgeworfen. Und im Gegensatz zum Coronavirus, dass durchaus ebenso für mediale Verwirrung, Unklarheit und bei vielen über die Krankheit hinaus, auch für Existenzängste sorgt, sind Influencer 'nur' clevere meist hübsche Zeitgenossen, die in der digitalen Ego-Gesellschaft ein profitables Geschäftsmodell nutzen, um ihrer Gefolgschaft, ähnlich wie bei Corona die Pharmaindustrie, Produkte anzupreisen.

Zugleich sind all das große Chancen, denn wir haben die Möglichkeit mehr über unsere Unzulänglichkeit als Mensch zu erfahren als je zu vor. Deshalb ist hier der wichtigste Lernfaktor Nummer eins, dass wir als Menschen aufhören sollten uns zu vergleichen, denn der Vergleich ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit, wie es der Philosoph Sören Kierkegaard ausdrückt.

Der Einfluss der Sozialen Netzwerke in denen wir stecken, bringt spezielle Reize mit ins Spiel, unter anderem sozialen Druck. Denn wir reagieren extrem sensibel auf soziale Aspekte wie Status, Anerkennung und Konkurrenz, was den Neid schüren kann. Warum das so ist, im Gegensatz zu den meisten Tieren kommen wir nicht nur völlig hilflos zur Welt, sondern bleiben es oft bis ins junge Erwachsenenalter. Wir können nur überleben, wenn wir mit unseren Artgenossen auskommen. Soziale Aspekte sind deshalb die wichtigsten Prioritäten unseres Gehirns. Die Macht darüber, was andere von uns denken, hat sich als groß genug erwiesen, um das Verhalten von Versuchspersonen in berühmten Studien, u.a. dem Milgram-Experiment, zu verändern. Bei diesen Studien wurden ganz normale Menschen allein durch sozialen Druck dazu gebracht, schreckliche Dinge zu tun, etwa andere zu foltern. In den sozialen Medien ist die Manipulation sozialer Gefühle die einfachste Methode, um Bestrafungen und Belohnungen herbeizuführen, was durch Likes dokumentiert wird. In sozialen Medien geht es nur darum, Gefühle bei dir hervorzurufen – hauptsächlich Gefühle, die sich darauf beziehen, was andere Leute über dich denken. Wenn wir zum Beispiel befürchten, nicht für cool, attraktiv oder bliebt gehalten zu werden, fühlen wir schlecht.

Rückenschmerzen, Tennisarm, Karpaltunnelsyndrom, und Kurzsichtigkeit

Sind die neuen Zivilisationskrankheiten, welche vermutlich ab Generation Y auch die Alphas und alle künftigen Generationen, und selbst die digital Fitesten unter ihnen ereilen könnte. Doch ebenso eröffnet sich dadurch für die Berufsgruppe der Onlinetherapeuten a la Liebscher und Bracht (hier der Youtube Kanal der Anbieter) ein neues Geschäftsmodell.

Was lernen wir daraus? Das der Mensch eigentlich nicht dafür gemacht ist, den ganzen Tag Online zu abzuhängen, sondern dafür sich zu bewegen, und auf eigenen Füßen nach Nahrung und Partnersuche zu gehen....

Wirklich? Nein, muss nicht sein, denn auch hier helfen bereits Apps wie Lieferando, Tinder und Co. ;)

Erfinde dich neu

Das klingt so einfach, in Wirklichkeit ist es kompliziert. Denn wie gut du das hinbekommst entscheidet über deine digitale DNA und wohlmöglich über das Überleben deiner Firma.

Die meisten Menschen scheuen Veränderungen, sie sind Neophobiker. Wir ticken in der Regel so, dass wir am liebsten bei unserer erprobten und gewohnten Lebensweise bleiben, wir klammern gern. Diese Neigung ist zutiefst menschlich und wahrscheinlich evolutionär bedingt. Ständig waren wir existentiellen Gefahren ausgesetzt, mussten uns sichere Höhlen, Hütten und Häuser bauen, die wir nur verließen, wenn wir Hunger hatten. Und nicht mal das brauchen wir heute noch, denn zum Glück gibst das Überlebensmittel Handy, mit dem man ebengleiche direkt beim nächsten Lieferservice ordern kann.

Am Wochenende war ich in einer Ausstellung im Schloss Hellbrunn in Salzburg, den "Lustwandel". Von Markus Sittikus, Erzbischschof der das Fürsterzbistum Salzburg 1612-1619 regierte, blieb mir ein markanter Spruch in Erinnerung: „“nvnc abi, et disce mori“ Gehe fort und lerne zu sterben.“

Gesagt will sein, der Wandel ist das einzig Beständige in unserer Welt. Und Veränderungskompetenz will gelernt sein.

Bei mir persönlich hat sich z.B. über die Jahre eine Art Urvertrauen bei Veränderungen eingestellt. Denn bei jedem Neuanfang passiert im Grunde nichts Schlimmes, im Gegenteil, es wird meist sogar besser.

Ja, der Digitale Wandel birgt Gefahren, die ein Dilemma verursachen können. Doch mir persönlich ist das Wort Chance hier lieber, denn unsere Wortwahl spielt sich auch in uns, und auf emotionaler Ebene ab. Und selbst eine emotionale Bedrohung, die bei Gefahr gefühlt wird, macht uns verletzlicher und greift unser Selbstvertrauen an. Grundsätzlich meint jede Veränderung erstmal, dass etwas bisher Unbekanntes entsteht, von dem keiner ganz sicher weiß, ob es besser oder schlechter sein wird als bisher. 

Deshalb bedeutet sich neu zu erfinden zunächst das innere Mindset mit den neuen Gegebenheiten abzugleichen und zu akzeptieren. Der nächste Schritt wird sein, dass wir durch neue Bildungssysteme, Gesellschaft und Arbeitgeber ermuntert werden müssen, mit Technik besser umzugehen, um bestimmte Kompetenzen zu erlernen, aber auch um die Digitalisierung selbst, und ihre Folgen zu verstehen.

Sich selbst neu erfinden meint zudem neue Wege zu finden, um effzienter zu besseren Ergebnissen zu kommen, wie eben vor allem durch digitale Weiterbildung, die uns dies ermöglicht.

Das Ziel der Digitalisierung ist immer das Gleiche, der Unterschied besteht in den heutzutage vorhandenen Technologien wie Cloud, Apps und künstliche Intelligenz und dem großen Vorteil, dass die Digitalisierung nicht nur für Großunternehmen realisierbar ist, sondern auch mittelständische Unternehmen und Start-Ups davon profitieren können. Daraus entstehen enorme Möglichkeiten Geschäftsmodelle effizient zu digitalisieren.

Ja, man kann den digitalen Wandel ignorieren. Klüger ist es vermutlich, ihn zu begrüßen, denn niemand kann den Fortschritt aufhalten, denn er kommt mit oder ohne dich. Und wer seine Abneigung gegenüber der digitalen Veränderung nicht ablegt, verschwindet in der Bedeutungslosigkeit.  „Disrupt yourself before you get disrupted” ist deshalb die neue Devise.

Achtsamkeit 

Und für Bewahrer ist Achtsamkeit geboten, denn echte Disruptoren sind in der Regel keine Gefahr für bestehende Märkte, weil sie schlicht neue Märkte als Ersatz für die Alten schaffen. Sei dir als Bewahrer der Alten Welt bewusst, dass die Digitalen Rockstars Tag und Nacht vor ihren Bildschirmen hocken und frech und angriffslustig in die Tasten hauen. Sie sind offen für Neues, mutig und machen vor niemanden halt. Ihr Wissen und ihre Kompetenz um Onlinemedien, Analysen und Codes sind das Kapital, mit dem sie mit Nischengespür jede Branche aufrollen werden. Aktuelle Studien gehen davon aus, dass bis zum Jahr 2025 vierzig Prozent der Fortune 500 Unternehmen verschwunden sein werden. 

Geht`s noch Offline?

Einerseits geht es für viele gar nicht mehr, anderseits wird es natürlich auch hierfür neue Geschäftsmodelle geben.

Unter dem Motto: #DigitalDetox das wir in der Digital Coach Academy stets ebenso ins Bewusstsein rufen, wird es viele weitere Anbieter geben, die dir vielleicht sauteure „Wege aus der Onlinesucht“ anbieten, egal du ob sie getarnt als ‚Entschleunigung‘, ‚Digitale-Balance‘, ‚Online Fastenkur‘, ‚Ayurveda Kur‘, oder echte Live-Wanderlust‘ serviert bekommst. Am Ende wollen alle nur das Eine, dein Geld und deine Daten. Willkommen in der Welt des digitalen Kapitalismus!

Auf spezielle Weise drückt es Timo Daum von der Kultur und Gesellschaftsplattform 'Das Filter' aus: „Würde Karl Marx noch leben, fände er eine paradoxe Situation vor. Auf der einen Seite haben wir das Internet, eine weltweit, kostenlos nutzbare Infrastruktur für Kommunikation und Kreation. Und es gibt Google, deren erklärtes Ziel es ist, „die Informationen der Welt zu organisieren und für alle zu jeder Zeit zugänglich und nutzbar zu machen“, und es gibt Plattformen wie Facebook, LinkedIn und Co, die es allen ermöglichen wollen, „mit den Menschen oder potenziellen Arbeitgebern in ihrem Leben in Verbindung zu treten und Inhalte mit diesen zu teilen“. Das hört sich doch nach positiver Utopie und entwickeltem Kommunismus an. Auf der anderen Seite müssten wir ihm schweren Herzens mitteilen, dass immer noch kapitalistische Verhältnisse herrschen. Dass Privateigentum, Kapital, Unterschiede zwischen Arm und Reich sowie Geld verdienen müssen nach wie vor globale Realität sind. Dass alte Fragen nach politischer Repräsentation, sozialer Gerechtigkeit und sinnvoller Ressourcenverteilung immer noch auf der Tagesordnung stehen. Dass die oben erwähnten Google, Facebook und LinkedIn profitorientierte Unternehmen sind, die auf der Suche nach Verwertung um den Globus jagen wie einst die East India Company. Und dass die derzeitigen Infrastrukturen vortrefflich harmonieren mit einem neuen Kapitalismus, der keine industriell hergestellten Waren mehr produziert und verkauft, sondern den Zugang zu digitalen Daten organisiert. Wir leben im Digitalen Kapitalismus, und ein Ende ist nicht in Sicht.“

Fazit

Zusammengefasst lässt sich das Dilemma bei der Digitalisierung wie folgt darstellen:

  • Viele Unternehmen sind nicht ausreichend informiert, weil klare Anlaufstellen fehlen, die detailliert und einfach vermitteln, was Digitalisierung heute bedeutet, und was sie leisten kann.
  • Die noch laufende Wirtschaftslage und zum Teil bei einigen volle Auftragsbücher setzen bestehende Schwerpunkte nur bestimmten Bereichen und verringern die Aufmerksamkeit für neue Geschäftsentwicklungen.
  • Fehlendes Personal mit entsprechenden Kompetenzen führt dazu, dass vor allem ertragsrelevante Projekte besetzt werden und strategische oder geschäftsrelevante Projekte erst gar nicht begonnen werden.
  • Es gibt zu wenig Erfahrung mit neuen digitalen Methoden aus dem Design-Thinking, Business Model Generation und der agilen Projektführung. Meist wird mit veralteten Methoden gearbeitet, was zu schlechten Ergebnissen, überhöhten Kosten und langen Projektlaufzeiten führt.
  • Bürokratische Hürden bei Fördermitteln und -vergabe sind aufwendig, setzen Geduld voraus und nehmen viel Vorlaufzeit in Anspruch.

Du hast die Wahl, du kannst selbst zum Erschaffer werden, mitmachen und die Wahrscheinlichkeit davon zu profitieren erhöhen, oder dich ahnungslos vom Sog der digitalen Daten- und Analysewelten vereinnahmen lassen, um dich vielleicht in nicht allzu langer Ferne in Orientierungslosigkeit und Frustration zu verlieren....

Liebe Grüße Deine Doreen

 

Quellen:

Doreen Anette Ullrich, "Leadership 2.0", 2018

Peter Wippermann + Jens Krüger, „Werteindex 2020“

Prof. Albert, Hurrelmann, Qenzel, „Shell Jugendstudie 2019“

Anne M. Schüller: „Fit für die Next Economie“, 2017

Jaron Lanier: „Aufbruch einer neuen Zeit, 2018

Timo Daum, Das Filter; Kultur und Gesellschaftsplattform

 

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